Sich verändernde und bewegende Phasengrenzflächen sind mit klassischen gitterbasierten Verfahren nur sehr aufwendig zu beschreiben. Daher werden am ICVT seit vielen Jahren gitterfreie Simulationsmethoden erforscht. Mit dem am Institut entwickelten Programmpaket SiPER lassen sich verschiedenste Fragestellungen mit der Smoothed-Particle-Hydrodynamics-Methode untersuchen.
Die Smoothed-Particle-Hydrodynamics-Methode ist eine Lagrange’sche gitterfreie Diskretisierungsmethode für partielle Differentialgleichungen. Im Vergleich zu gitterbasierten Diskretisierungsmethoden wie der Finite-Elemente-Methode oder der Finite-Volumen-Methode sind die Interpolationspunkte (die sogenannten „Partikel“) frei im Raum beweglich und ermöglichen daher ohne großen Vernetzungs- und Rechenaufwand die Simulation in komplexen Geometrien und Systemen mit freien Oberflächen. Eine akkurate Bewegung und Veränderung von Grenzflächen ist ohne zusätzlichen Aufwand möglich, da die Phasengrenze zwischen Diskretisierungspunkten definiert und mit diesen bewegt wird.
SiPER ist ein hochparallelisiertes Programmpaket zur direkten numerischen Simulation von Strukturbildungsvorgängen und mehrphasigem Transport in porösen Medien. Ein Schwerpunkt liegt hierbei auf Grenzflächeninteraktion, Benetzungseigenschaften und der Veränderung poröser Systeme durch Wärme- und Stofftransportvorgänge. Eine Erweiterung auf nanoskalige Transportprozesse, bei denen thermische Fluktuationen relevant sind, ermöglicht die Simulation von Problemstellungen über viele Längenskalen hinweg.
Vergangene und aktuelle Anwendungsbeispiele für SiPER sind nachfolgend dargestellt.
Modellierung der Elektrolytverteilung in repräsentativen Volumina
Die Performance von Gasdiffusionselektroden (GDEs) spielt für eine Reihe technischer Prozesse, wie die Chloralkali-Elektrolyse oder die elektrochemische CO2-Reduktion eine entscheidende Rolle. Innerhalb der GDE wird der Kontakt zwischen den gasförmigen Reaktanden, dem festen Katalysator und dem Elektrolyten hergestellt. Durch Zugabe von nichtbenetzenden Komponenten wie Polytetraflourethylen (PTFE) kann das Eindringverhalten des Elektrolyten gezielt beeinflusst werden, was eine Schlüsselkomponente zur Verbesserung und Herstellung dieser GDEs darstellt.
Mittels der SPH-Methode wird das Eindringverhalten in die poröse Struktur auf Basis von Bildaufnahmen des Porenraumes mittels direkter numerischer Simulation durchgeführt. Dabei werden die auftretenden Phänomene auf der Kontinuumsskala aufgrund der Oberflächenspannung und der heterogenen Benetzbarkeit physikalisch konsistent berücksichtigt.
Benetzungsverhalten in porösen Medien
Mehrphasenströmungen in porösen Strukturen sind hauptsächlich von Kapillar- und Oberflächenkräften dominiert. Unterschiedliche Benetzungseigenschaften können zu sehr unterschiedlichem Strömungsverhalten führen. Die Forschung am ICVT umfasst hierbei die Untersuchung dynamischer Benetzungsprozesse in einzelnen Kapillaren und ganzen Porennetzwerken und die Beschreibung des Benetzungsverhaltens von Fluidtropfen auf verschiedenen Oberflächen.
Strukturbildungsprozesse
Strukturbildungsprozessen liegen meist Transportprozesse auf verschiedenen Zeit- und Längenskalen zugrunde. Eine wichtige Skala hierbei ist die mesoskopische Skala die im Bereich von Nano- und Mikrometern angesiedelt ist. Am Beispiel des Fällungsprozesses von porösen Polymermembranen wurde der Porenbildungsprozess während des Phasenzerfalls untersucht um Rückschlüsse der Transporteigenschaften auf die Struktur von Polymermembranen zu erhalten. Hierbei wurde die Smoothed-Particle-Hydrodynamics-Methode um Modelle für die kinetische Modellierung des Phasenzerfallsprozesses sowie für Mehrkomponententransport erweitert. Durch Vergleich mit Experimenten konnten die numerischen Ergebnisse qualitativ validiert werden.
Polymerlösungen in wandnahen Scherströmungen
Die Bildung von Belägen in technischen Reaktoren für die Durchführung von Polymerisationsreaktionen stellt eine große Herausforderung bei der Entwicklung neuer Prozesse dar. Neben dem Reaktionsmechanismus spielen dabei auch die Eigenschaften der Reaktoroberflächen und das Strömungsfeld eine wichtige Rolle. Durch Ergänzung der Smoothed Dissipative Particle Dynamics Methode um ein "Bead-Spring"-Modell für Polymere kann das Adsorptionsverhalten von Makromolekülen in wandnahen Scherströmungen simuliert werden. Ziel ist, hierdurch das mechanistische Verständnis zu verbessern, um die Prozessentwicklung hinsichtlich der Belagsvermeidung zu unterstützen.
Weitere Informationen zum SiPER Programmpaket
Im Vergleich zu anderen Softwarepaketen ist SiPER auf inkompressible Strömung spezialisiert, bietet aber auch gängige kompressible Ansätze. Mit der sogenannten „truly incompressible Smoothed Particle Hydrodynamics“ (ISPH) Methode, basierend auf der etablierten Projektionsmethode von gitterbasierter CFD, lassen sich Strömungsprobleme effizient und mit hoher Genauigkeit lösen. Beispielsweise werden Drücke der inkompressiblen Strömung gut abgebildet, die für Mehrphasenströmung in porösen Medien von zentraler Bedeutung sind.
Die Smoothed-Particle-Hydrodynamics-Methode, etabliert für makro- und mesoskopische Problemstellungen, bietet aufgrund ihres partikulären Charakters eine algorithmisch einfache Erweiterung auf mikroskopische Problemstellungen, bei denen thermische Fluktuationen relevant sind. Mit der Smoothed-Dissipative-Particle-Dynamics-Methode (SDPD), die eine Erweiterung der Smoothed-Particle-Hydrodynamics-Methode um thermische Fluktuationen darstellt, ist es möglich mit dem Kontinuumsansatz Problemstellungen auf vergröberter molekularer Ebene zu untersuchen.
Folgende physikalische und methodische Modelle/Ansätze sind in SiPER verfügbar:
- Parallelisierung mit MPI
- Verschiedene Ansätze für inkompressible Strömung (ISPH, ZWEISCHRITT, implizit ISPH, Stokes flow)
- Verschiedene Ansätze für kompressible Strömung (WCSPH)
- Erweiterung auf nanoskalige Probleme (SDPD)
- Randbedingungen: periodisch, symmetrisch, feste Wand, Inflow/outflow
- Corrected SPH
- Oberflächenspannungsmodelle (CSF, Partikel-Partikel-WW, Tensor(Adami))
- Kontaktlinienmodelle (CLF, Tensor(Breinlinger), Tensor (Adami))
- Phasenzerfall mit Cahn-Hilliard Gleichung
- Rheologie (Newton, viscoplastisch, viscoelastisch, elastisch)
- Mehrkomponententransport (Maxwell-Stefan, Generalized Fick)
- Schnittstelle zur fluid-fluid-Kopplung mit gitterbasierten Methoden
- Stick-Slip für raue Oberflächen
Das Programmpaket SiPER ist auf Anfrage frei zugänglich. Bei Interesse wenden Sie sich an Manuel Hopp oder Thorben Mager.
Veröffentlichungen
- S. Brosch, T. Mager, J. Linkhorst, U. Nieken, M. WesslingFluid Distribution in Artificially Manufactured Porous Mixed-Wetting Materials as a Model for Gas Diffusion Electrodes2025, Chemical Engineering Science 305, 121465
Ansprechpartner
Thorben Mager
M.Sc.Wissenschaftlicher Mitarbeiter